Gesellschaft & Schutz

Anthropic, das Unternehmen mit dem stärksten Sicherheitsfokus der KI-Branche, hat zweimal in fünf Tagen eigene Interna geleakt

5 Min. Lesezeit

Das KI-Unternehmen, das sich selbst als verantwortungsvollster Akteur der Branche positioniert, hat innerhalb von fünf Tagen zwei Sicherheitsvorfälle verursacht: Zunächst wurde ein interner Blogpost über ein Modell mit 'beispiellosen Cybersecurity-Risiken' öffentlich, dann der komplette Quellcode von Claude Code.

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Anthropic, das Unternehmen mit dem stärksten Sicherheitsfokus der KI-Branche, hat zweimal in fünf Tagen eigene Interna geleakt

Anthropic wurde 2021 gegründet, weil die Gründer der Ansicht waren, dass OpenAI Sicherheitsfragen nicht ernst genug nimmt.

Dario und Daniela Amodei verließen OpenAI mit der erklärten Mission, ein KI-Unternehmen aufzubauen, bei dem Sicherheit an erster Stelle steht. Jede Produktankündigung, jeder Blogpost, jedes Interview betont denselben Punkt: Wir entwickeln die leistungsfähigste KI der Welt, aber wir tun dies verantwortungsvoll.

Innerhalb von fünf Tagen hat Anthropic nun zweimal eigene interne Informationen geleakt.

Erster Vorfall: Das Modell mit 'beispiellosen Cybersecurity-Risiken'

Am 26. März entdeckte Fortune, dass rund 3.000 interne Dateien von Anthropic öffentlich in einer ungesicherten Datenbank zugänglich waren.

Unter den Dateien befand sich ein Entwurf eines Blogposts, der 'Claude Mythos' ankündigt – interner Codename Capybara. Es handelt sich um das nächste Flaggschiff-Modell von Anthropic, das als 'step change' bezeichnet wird und das leistungsfähigste Modell darstellt, das das Unternehmen je entwickelt hat. Leistungsstärker als Opus 4.6, das aktuelle Spitzenmodell.

Der entscheidende Punkt: In diesem Entwurf schreibt Anthropic explizit, dass Capybara 'beispiellose Cybersecurity-Risiken' darstellt und 'eine Welle von Modellen ankündigt, die in der Lage sind, Schwachstellen mit einer Geschwindigkeit auszunutzen, die Verteidiger übersteigt'.

Mit anderen Worten: Anthropic entwickelt ein Modell, das das Unternehmen selbst als gefährlich einstuft – und die Öffentlichkeit erfährt davon, weil jemand vergessen hat, die Datenbank mit einem Passwort zu schützen.

Am Tag darauf fielen die Aktienkurse von Cybersecurity-Unternehmen.

Zweiter Vorfall: Der Quellcode von Claude Code

Fünf Tage später, am 31. März, entdeckte ein Sicherheitsforscher, dass der komplette Quellcode von Claude Code unverschlüsselt auf npm verfügbar war – dem Paketregister, das Entwickler zur Distribution ihrer Software nutzen.

500.000 Zeilen Code. 1.900 Dateien. Das gesamte System, das Claude Code betreibt: Die Architektur des Agenten, interne APIs, Sicherheitsmechanismen (Guardrails), Systemprompts und noch nicht veröffentlichte Funktionen.

Die Ursache: Eine 60 Megabyte große Sourcemap-Datei, die versehentlich im veröffentlichten Paket enthalten war. Jemand hatte vergessen, eine Debug-Datei vor der Veröffentlichung zu entfernen – ein Fehler, der typischerweise in Praktikumsprojekten vorkommt.

Der Code wurde innerhalb weniger Stunden extrahiert und auf GitHub veröffentlicht. Er wird nie wieder verschwinden.

Das Bemerkenswerteste dabei: Es ist das zweite Mal innerhalb eines Jahres, dass Claude Code auf dieselbe Weise geleakt wurde. Im Februar 2025 kam es zum identischen Szenario.

Die Stellungnahme von Anthropic: 'Dies ist keine Sicherheitslücke, sondern ein Packaging-Problem durch menschliches Versagen.' Als wäre menschliches Versagen nicht genau das Problem, um das es geht.

Was nicht geleakt wurde

Es ist wichtig zu präzisieren, was NICHT kompromittiert wurde.

Die Modellgewichte, das 'Gehirn' der KI, sind intakt. Keine Kundendaten wurden exponiert. Keine Zugangsdaten wurden kompromittiert. Der erste Vorfall ist primär peinlich, der zweite ist ernster, aber nicht katastrophal.

Andere Unternehmen hatten vergleichbare Vorfälle. Epic Games, Nintendo, Google und Tesla haben alle bereits Dateien an öffentlich zugänglichen Orten hinterlassen.

Allerdings macht keines dieser Unternehmen Sicherheit zum zentralen Bestandteil seines Markenvertrauens.

Die strukturelle Ironie

An diesem Punkt wird der Fall wirklich interessant.

Der geleakte Blogpost war kein beiläufiges internes Memo. Es handelte sich um einen Text, der explizit zeigen sollte, wie ernst Anthropic Sicherheit nimmt. Die Botschaft lautete: 'Unser neues Modell ist so leistungsstark, dass wir es vor der Veröffentlichung mit Cybersecurity-Experten testen werden.'

Dieser Text wurde geleakt, weil er sich in einer öffentlichen Datenbank ohne Passwortschutz befand.

Roy Paz, Sicherheitsforscher bei LayerX, kommentiert: 'Normalerweise verfügen große Unternehmen über strenge Prozesse und mehrfache Überprüfungen, bevor Code in die Produktion gelangt – vergleichbar mit einem Tresor, der mehrere Schlüssel zum Öffnen benötigt. Bei Anthropic scheint dieser Prozess nicht vorhanden gewesen zu sein.'

Anthropic generiert einen annualisierten Umsatz von 19 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen schafft es nicht, eine Debug-Datei aus einem npm-Paket zu entfernen.

Was dies über die Industrie aussagt

Das Problem reicht über Anthropic hinaus. Wenn das Unternehmen, das am lautesten über KI-Sicherheit spricht, solche Fehler begeht – zweimal in fünf Tagen und zweimal innerhalb eines Jahres für dasselbe Produkt –, welche Standards können dann realistischerweise von anderen Akteuren erwartet werden?

Die KI-Industrie entwickelt sich mit einer Geschwindigkeit, die ihre eigene Fähigkeit zur Absicherung übersteigt. Die Modelle werden leistungsfähiger, die Agenten autonomer, die Einsätze kritischer. Dabei halten grundlegende Prozesse – diejenigen, die verhindern sollten, dass eine Datei im Internet landet – nicht Schritt.

Dies ist kein technologisches Problem. Es ist ein Problem der Basishygiene. Und Hygiene lässt sich nicht mit 19 Milliarden Dollar Umsatz erkaufen.

Wenn Sie das nächste Mal von einem KI-Unternehmen hören, dass Ihre Daten sicher sind, erinnern Sie sich daran, dass Anthropic nicht einmal die eigenen schützen konnte.


Sources:

Behandelte Themen:

SicherheitAnalyse

Häufig gestellte Fragen

Was genau hat Anthropic geleakt?
Zwei Lecks binnen fünf Tagen: Ein interner Blogpost über das kommende Modell Claude Mythos (bezeichnet als 'beispielloses Cybersecurity-Risiko'), anschließend der komplette Quellcode von Claude Code (500.000 Zeilen).
Wurde das Modell Claude Mythos selbst geleakt?
Nein. Die Modellgewichte (das 'Gehirn' der KI) sind nicht kompromittiert. Lediglich ein interner Blogpost über die Fähigkeiten des Modells und ein CEO-Event wurden öffentlich.
Sind Nutzerdaten kompromittiert worden?
Nein. Anthropic bestätigt, dass keine Kundendaten oder Zugangsdaten betroffen sind. Die Lecks betreffen internen Code und strategische Dokumente.
Alexandre Noto

Alexandre Noto

Mitgründer & Tech-Experte

Alexandre ist seit über 20 Jahren in der Tech-Branche. Unternehmer, Software-Architekt und KI-Enthusiast, übersetzt er komplexe Konzepte in verständliche Erklärungen. Bei Declic Media ist er die technische Stimme, die KI für alle verständlich macht.

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