Ecosia tauscht Mistral gegen in Europa gehostete chinesische Modelle
Ecosias Chef wirft Mistral vor, nicht souverän genug zu sein.

„Das liefern wir auch“
Am 8. Oktober antwortet Arthur Mensch, der Chef von Mistral, auf X auf einen Beitrag von POLITICO. Das Medium hatte gemeldet, dass Ecosia, die Berliner Suchmaschine, die mit ihren Einnahmen Bäume pflanzt, Mistral verlässt und auf offene Modelle setzt, auch auf chinesische. Menschs Antwort besteht aus zwei Sätzen: „Das liefern wir auch! Tut uns leid, falls Atomstrom wirklich ein Ausschlusskriterium ist.“
Der zweite Satz ist eine Spitze. Der erste verdient mehr Aufmerksamkeit, denn er lässt sich prüfen. Am 11. August kündigte Mistral an, seine Plattform für offene Modelle anderer Anbieter zu öffnen, „allen voran GLM-5.2 von Z.ai“.
Z.ai ist der Exportname von Zhipu, einem chinesischen Labor. Dessen Version 5.3 steht heute im Modellkatalog von Mistral. Die Erzählung vom europäischen Champion, der zugunsten Chinas verlassen wird, hat damit ein Problem: Der Champion liefert selbst chinesische Modelle aus.
Was Ecosia an Mistral stört
Ausgangspunkt ist ein Interview mit POLITICO, erschienen am 6. Oktober. Christian Kroll, Gründer und Geschäftsführer von Ecosia, sagt darin: „Wir sind von der Qualität von Mistral enttäuscht.“ Die Modelle lägen „ein Jahr“ hinter der Konkurrenz. Ecosia hatte im Mai OpenAI durch Mistral ersetzt. Seither häuften sich laut Kroll die technischen Probleme, auch überlastete Server: „Wir waren für Mistral schlicht ein zu großer Kunde.“
Dann kommt die Atomkraft, und hier lohnt der genaue Blick auf POLITICO. Das Medium schreibt, Ecosia stelle infrage, ob Mistral angesichts des hohen Atomanteils im französischen Strommix zu seinen Umweltzielen passe. Das ist POLITICOs Formulierung: Der Vorwurf wird Ecosia zugeschrieben, ein Kroll-Zitat dazu enthält der Artikel nicht. Und doch greift Arthur Mensch genau diesen Punkt auf.
Der letzte Vorwurf steht dagegen in Anführungszeichen. Dass Mistral von internationalen Investoren abhängt, sei „nicht wirklich souverän“, so Kroll. POLITICO erinnert daran, dass Mistral Milliarden Euro bei ausländischen Geldgebern eingesammelt hat, darunter Samsung und Nvidia.
Auf die Anfrage von POLITICO hat Mistral nicht geantwortet. Wissenschaftschef Guillaume Lample hat aber am Vortag auf einer Pressekonferenz die Hand ausgestreckt: Er ermuntere Ecosia, „unser neues Modell so bald wie möglich“ zu testen, und biete sogar einen Zugang vorab an, „schon heute“.
Melious, der Vermittler, den niemand erklärt
Als Ersatz für Mistral tut sich Ecosia mit Melious zusammen. Der Name taucht in allen Berichten auf, erklärt wird er nirgends.
Melious AI GmbH ist ein deutsches Unternehmen im Gründerzentrum der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Es verkauft einen einzigen Zugang zu mehr als sechzig Modellen mit offenen Gewichten: Qwen von Alibaba, GLM von Zhipu, Kimi von Moonshot, DeepSeek, Gemma von Google und auch Mistral Small 4, das in der Schaufenster-Rubrik der Website steht.
Die Modelle betreibt Melious nicht selbst. Die öffentliche Liste seiner Unterauftragnehmer nennt rund zehn Hoster in Europa, die die Anfragen ausführen und einspringen, wenn einer ausfällt. Eher eine Buchungszentrale als ein Hotel. Unter den verfügbaren Zimmern sind zwei französische: Scaleway in Paris und OVHcloud in Roubaix. Welche davon die Anfragen von Ecosia bekommen, ist nicht bekannt.
So gesehen wechselt Ecosia weniger das Land als das Einkaufsmodell: ein einzelner Anbieter, dessen Server überlastet waren, wird durch einen Vermittler ersetzt, der die Last verteilt. Der „zu große Kunde“ bekommt dadurch eine andere Bedeutung.
Und wohin gehen die Suchanfragen der Nutzer?
Diese Frage stellt sich jeder, der „chinesische Modelle“ liest. Die Antwort hängt an einem Unterschied, den man oft verwischt.
Ein Modell mit offenen Gewichten ist ein veröffentlichtes Rezept. Alibaba oder Zhipu trainieren das Modell und stellen die Datei online. Jeder kann sie herunterladen und auf eigenen Maschinen laufen lassen. Wenn ein europäischer Hoster Qwen ausführt, geht die gestellte Frage nicht an Alibaba zurück: Sie bleibt in der Küche dessen, der das Rezept heruntergeladen hat.
Wer dagegen die API eines chinesischen Labors nutzt, schickt seine Frage direkt dorthin. Was das bedeuten kann, zeigte sich im September: Laut einem Bericht von Anthropic leitete Moonshot Anfragen von Kimi-Kunden ohne deren Wissen an Claude weiter (wir haben darüber berichtet).
Nach dem Standardvertrag von Melious fällt Ecosias Konstruktion unter den ersten Fall. Der Vertrag sieht eine Verarbeitung in Deutschland, in der EU oder im Europäischen Wirtschaftsraum vor, macht jede Übermittlung außerhalb dieses Raums von der schriftlichen Zustimmung des Kunden abhängig und hält fest, dass der Inhalt der Nachrichten nicht protokolliert wird. Zwei Vorbehalte: Das ist der generische Vertrag von Melious, der von Ecosia ist nicht öffentlich. Und am 2. Oktober hieß es auf der Hilfeseite von Ecosia noch, die Chatanfragen gingen „an unseren externen Chat-Anbieter Mistral“.
Was die Datei trotzdem mitbringt
Wenn die Daten nicht wandern, wandert doch etwas anderes mit dem Rezept: das, was das Modell gelernt hat. POLITICO verweist auf eine Untersuchung von NewsGuard, wonach die führenden chinesischen Modelle falsche, für Peking günstige Behauptungen wiederholt nicht richtigstellen.
Für Kroll ist das kein Ausschlussgrund: Solche Verzerrungen ließen sich technisch korrigieren, anders als ein Qualitätsmangel. Rasmus Rothe, Chef des KI-Bundesverbands, folgt ihm nur halb. Die sichtbare Zensur, also verweigerte Antworten, verschwinde durch gezieltes Nachtrainieren weitgehend. Die unauffällige Verzerrung bleibe, weil sie in den Trainingsdaten stecke: „Mit ein paar hundert Beispielfragen kratzt man an der Oberfläche, kommt aber nicht bis zum Fundament.“
Der Preis, das Argument, das niemand beziffert
Bleibt das nüchternste Motiv. Mit Melious, so Kroll, „haben wir unsere Kosten grob halbiert und dabei Qualität und Leistung verbessert“. Welche Kosten, über welchen Zeitraum, im Vergleich wozu? Das Interview sagt es nicht. Es ist die Aussage eines zufriedenen Kunden über seinen neuen Anbieter, von außen nicht überprüfbar.
Ecosia ist nicht die Einzige, die über Geld spricht. Qwant, Partner für den europäischen Suchindex, treibt seine Sofortantworten weiterhin mit Mistral an, bestätigte aber gegenüber dem französischen Portal Next, Alternativen zu prüfen, wegen der „jüngsten Preisänderungen bei Mistral“. Welche das sind, sagt Qwant nicht.
Der öffentliche Preis von Mistral Small 4, das laut Hilfeseite den Chat von Ecosia antreibt, liegt heute bei 0,15 US-Dollar pro Million Eingabe-Tokens und 0,60 für die Ausgabe. Die Preisbeobachtungsseite UsagePricing hatte Ende Mai 0,10 und 0,30 notiert. Ein großer Kunde zahlt allerdings nicht zwingend den Listenpreis.
Zwei europäische Abnehmer sprechen also über Kosten und Qualität, zwei Monate nachdem Mistral sein eigenes Schaufenster für ein chinesisches Modell geöffnet hat. Kroll hält an Souveränität fest: Er wirft Mistral sogar vor, nicht souverän genug zu sein. Nur hat das Wort den Ort gewechselt. Es meinte das Labor, das das Modell trainiert; jetzt meint es den Server, auf dem es läuft. Und auf diesem Feld bieten Mistral und Melious dasselbe.
Behandelte Themen:
Häufig gestellte Fragen
Warum trennt sich Ecosia von Mistral?
Was ist Melious, der neue Partner von Ecosia?
Landen die Suchanfragen der Ecosia-Nutzer in China?
Bietet Mistral selbst auch chinesische Modelle an?
Lassen sich die Verzerrungen chinesischer Modelle korrigieren?

Julien-Pierre Noto
Unternehmer & Stimme aus der Praxis
Julien-Pierre ist Unternehmer mit über zwanzig Jahren Praxiserfahrung in Bau und Immobilien. Seit drei Jahren arbeitet er täglich mit KI in einem KMU — nicht im Labor: an echten Fällen, mit echten Kunden. Als Gründer von ONDE AI R&D, einem angewandten Forschungslabor zur Mensch-KI-Arbeit, veröffentlicht er seine Methoden als Open Source — was funktioniert und was nicht. Bei Declic Media ist er die Stimme aus der Praxis: angewandte KI, die ihren Nutzen beweisen muss.
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