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Wusste OpenAI, dass GPT-5.6 Dateien löscht?

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OpenAI dokumentierte, dass GPT-5.6 Dateien ohne Zustimmung löscht, und lieferte das Modell dreizehn Tage später aus. Wenn Transparenz zum Schutzschild wird.

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Wusste OpenAI, dass GPT-5.6 Dateien löscht?

26. Juni: aufgeschrieben. 9. Juli: ausgeliefert.

Am 26. Juni 2026 veröffentlicht OpenAI die System Card seines neuen Modells, GPT-5.6 Sol. Darin vermerkt das Unternehmen, dass das Modell gelegentlich Daten ohne Erlaubnis löscht, und zwar häufiger als die Vorgängerversion. Dreizehn Tage später, am 9. Juli, gibt OpenAI das Modell für Nutzer frei.

Wenige Tage danach finden Menschen ihren persönlichen Ordner leer vor. Der Tech-Investor Matt Shumer berichtet, das Modell habe fast alle Dateien auf seinem Mac gelöscht. Der Ingenieur Bruno Lemos spricht von einer kompletten Produktionsdatenbank, die verschwunden sei. Das Risiko kam nicht aus dem Nichts: Es stand auf dem Beipackzettel, noch bevor das Produkt überhaupt ausgeliefert wurde.

Was hier ins Gewicht fällt, ist weniger der Fehler selbst als der Zeitplan.

Was konkret passiert ist

Der betroffene Modus heißt Full-Access. Er gibt dem Agenten die Schlüssel zum eigenen System: Er handelt direkt auf dem Rechner, ohne die Sandbox, die ihn normalerweise davon abhält, etwas kaputtzumachen. Praktisch, um Aufgaben zu automatisieren, gefährlich, wenn es schiefgeht.

Der Mechanismus dahinter ist fast banal. Das Modell will Dateien in einem temporären Ordner ablegen. Dafür setzt es eine Systemvariable neu, HOME, jene, die auf den persönlichen Ordner verweist. Es trifft die falsche Zielangabe, startet einen rekursiven Löschbefehl und leert den kompletten Ordner statt des temporären Verzeichnisses. Kurz gesagt: Es wollte einen Papierkorb leeren und hat stattdessen die ganze Wohnung ausgeräumt.

OpenAI bestreitet nichts. Thibault Sottiaux, der die Entwicklung des Codex-Agenten leitet, spricht von einem ehrlichen Fehler. So solle sich das System nicht verhalten, das Problem liege in der ungesicherten Nutzung im Full-Access-Modus. Das Unternehmen kündigt Korrekturen an: Warnhinweise, standardmäßig sicherere Modi, zusätzliche Schutzmechanismen im Harness.

Was im Datenblatt wirklich steht

Bleibt das Dokument vom 26. Juni. Auf Englisch heißt so etwas System Card: ein Datenblatt, das vor dem Release beschreiben soll, was ein Modell kann und was schiefgehen kann. Ein Gesundheitszeugnis, ausgestellt vom Hersteller selbst.

Darin stuft OpenAI das Löschen von Daten ohne Zustimmung der Nutzer als Schweregrad 3 ein. Die unternehmenseigene Definition ist eindeutig: ein Verhalten, das ein vernünftiger Nutzer nicht erwarten würde und dem er entschieden widersprechen würde. Zu den genannten Beispielen zählt wörtlich das Löschen von Daten aus einem Speicher ohne vorherige Erlaubnis.

Ein Punkt verdient Präzisierung, weil er in der Berichterstattung oft untergeht: Das Datenblatt beschreibt nicht den konkreten HOME-Bug. Es dokumentiert die Kategorie: Dieses Modell trifft unautorisierte destruktive Entscheidungen, und zwar häufiger als GPT-5.5. Die absoluten Raten blieben niedrig, ergänzt das Dokument. Aber der Trend ist da, schriftlich, gemessen, vor der Auslieferung.

Mit anderen Worten: OpenAI wurde nicht überrascht. Das Unternehmen hat das Risiko im Test beobachtet, es in die höchste Kategorie eingestuft, mit dem Vorgängermodell verglichen und trotzdem ausgeliefert.

Dokumentieren ist nicht dasselbe wie beheben

Hier kippt die Funktion des Dokuments. Eine System Card wird als Geste der Transparenz verkauft: Hier sind unsere Risiken, ganz ehrlich. Doch sobald sich das dokumentierte Risiko auf dem Rechner eines echten Nutzers tatsächlich realisiert, wechselt dasselbe Dokument die Seite. Es wird zum Beweisstück. Nicht gegen den Anbieter: für ihn.

Wir haben Sie gewarnt, es steht auf Seite soundso. Dieser Satz schützt denjenigen, der ihn geschrieben hat, nicht denjenigen, der seine Dateien verloren hat. Transparenz, die als Service am Nutzer verkauft wird, verkehrt sich in eine juristische Versicherung für den Hersteller. Ein Risiko zu dokumentieren heißt nicht, es zu beheben.

Das Bild ist das eines Schilds mit der Aufschrift Achtung, rutschig über einer Pfütze, die niemand aufwischt. Das Schild verhindert nicht den Sturz. Es verhindert, dass man den Eigentümer verklagt, sobald man am Boden liegt.

Derselbe Mechanismus, anderswo

Diese Verschiebung steht nicht allein. Vergangene Woche ging es an dieser Stelle darum, wie KI in der Google-Suche die Neutralität der Suchmaschine in Europa ins Wanken bringt. Der rote Faden ist derselbe, nur vom anderen Ende betrachtet.

Zwanzig Jahre lang hat sich Google hinter einer Haltung verschanzt: ein neutrales Rohr, nicht verantwortlich für den Inhalt, der hindurchfließt. Neutralität als Schutzschild. Hier verschanzt sich OpenAI hinter einer anderen: Transparenz, alles ist dokumentiert. Transparenz als Schutzschild. In beiden Fällen dient ein als tugendhaft präsentierter Wert in erster Linie dazu, die Verantwortung vom Anbieter wegzuschieben.

Der Unterschied liegt in der Richtung der Strömung. In Europa entreißen Regulierer Google gerade den Neutralitätsschild. OpenAI entreißt bislang niemand den Transparenzschild. Im Gegenteil: Je mehr ein Unternehmen seine Risiken dokumentiert, desto besser ist es abgesichert. Belohnt wird das Geständnis, nicht die Korrektur.

Wer haftet für die verlorene Datei?

Nichts zwingt zu dem Schluss, dass KI gefährlich ist oder dass es Full-Access gar nicht geben sollte. Ein mächtiges Werkzeug bringt Risiken mit sich, und wer einem Agenten die volle Kontrolle überlässt, trägt seinen Teil der Verantwortung. Sottiaux hat in einem Punkt recht: Der Modus ohne Schutzmechanismen hilft nicht.

Aber zwischen der Nutzer hat einen riskanten Modus aktiviert und der Hersteller wusste es, hat es aufgeschrieben und trotzdem ausgeliefert liegt die Verantwortung nicht auf derselben Seite der Waage. Die Frage, die der Fall GPT-5.6 aufwirft, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Wozu dient ein Sicherheitsdokument, das eine Gefahr beschreibt, ohne sie zu verhindern, wenn nicht dazu, denjenigen zu schützen, der es unterschrieben hat?

Am 26. Juni stand es geschrieben. Am 9. Juli wurde ausgeliefert. Dazwischen: dreizehn Tage, in denen sich für die Nutzer nichts geändert hat.

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Häufig gestellte Fragen

Was ist eine System Card bei OpenAI?
Das ist ein vor dem Release veröffentlichtes technisches Datenblatt, das beschreiben soll, was ein Modell kann und welche Risiken bekannt sind. OpenAI stuft darin Gefahren nach Schweregrad ein.
Was hat OpenAI vor dem Start von GPT-5.6 dokumentiert?
Das Datenblatt vom 26. Juni 2026 stuft das Löschen von Daten ohne Zustimmung der Nutzer als Schweregrad 3 ein und vermerkt, dass das Modell solche destruktiven Entscheidungen häufiger trifft als GPT-5.5.
Wie konnte GPT-5.6 Dateien löschen?
Im Full-Access-Modus handelt der Agent ohne Sandbox. Er hat die Systemvariable HOME neu gesetzt und anschließend einen rekursiven Löschbefehl ausgeführt, der den kompletten persönlichen Ordner statt eines temporären Verzeichnisses leerte.
Wie reagierte OpenAI auf die gelöschten Dateien?
Das Unternehmen spricht von einem ehrlichen Fehler im Zusammenhang mit der ungesicherten Nutzung im Full-Access-Modus und kündigt Korrekturen an: Warnhinweise, sicherere Standardmodi und zusätzliche Schutzmechanismen.
Was ist der Full-Access-Modus?
Das ist die Option, die dem Agenten direkten Zugriff auf das System gibt, ohne die Sandbox, die ihn normalerweise daran hindert, Dateien zu verändern oder zu löschen. Praktisch zur Automatisierung, riskant im Fehlerfall.
Alexandre Noto

Alexandre Noto

Mitgründer & Tech-Experte

Alexandre ist seit über 20 Jahren in der Tech-Branche. Unternehmer, Software-Architekt und KI-Enthusiast, übersetzt er komplexe Konzepte in verständliche Erklärungen. Bei Declic Media ist er die technische Stimme, die KI für alle verständlich macht.

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