Amazon Search Party und Apple Find My: Wie 900 Millionen Geräte das größte Ortungsnetzwerk der Welt bilden

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Amazon Search Party und Apple Find My verwandeln über 900 Millionen Geräte in ein globales Ortungsnetzwerk. Was beim Wiederfinden verlorener Gegenstände hilft, ermöglicht gleichzeitig die lückenlose Verfolgung von Personen.

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Amazon Search Party und Apple Find My: Wie 900 Millionen Geräte das größte Ortungsnetzwerk der Welt bilden

Wenn Alltagstechnik zur Überwachungsinfrastruktur wird

Verlorene Schlüssel wiederfinden, das verschwundene Portemonnaie orten, die Tasche im Taxi lokalisieren: Amazon Search Party und Apple Find My versprechen die komfortable Lösung für ein alltägliches Problem. Die Technik dahinter ist elegant: Hunderte Millionen Smartphones, Lautsprecher und Kameras bilden ein dichtes Netz, das Bluetooth-Signale von Trackern erfasst und deren Position meldet. Was Amazon und Apple als Service für ihre Kunden vermarkten, ist faktisch die größte zivile Ortungsinfrastruktur, die je geschaffen wurde.

Die Zahlen sind beeindruckend: Über 400 Millionen Amazon-Geräte – darunter Echo-Lautsprecher, Ring-Türklingeln und Fire-TV-Sticks – beteiligen sich am Search-Party-Netzwerk. Apple Find My nutzt 1,8 Milliarden aktive iOS-, macOS- und iPadOS-Geräte. Zusammengerechnet ergibt das ein globales Mesh-Netzwerk aus mehr als 900 Millionen Knotenpunkten, das nahezu jeden urbanen Raum lückenlos abdeckt.

Amazon Search Party: Ring-Kameras als Ortungsknoten

Amazon hat Search Party im Januar 2021 gestartet, zunächst nur für Tile-Tracker. Das System funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie Apple Find My: Jedes teilnehmende Gerät empfängt Bluetooth-Signale kompatibler Tracker, verschlüsselt die Ortungsdaten und sendet sie an Amazons Server. Der Besitzer des Trackers kann dann auf einer Karte sehen, wo sein Gegenstand zuletzt geortet wurde.

Die Besonderheit von Amazons Ansatz liegt in der Hardware-Basis: Während Apple vorwiegend auf mobile Geräte setzt, baut Amazon auf stationäre Infrastruktur. Echo-Lautsprecher stehen in Wohnungen, Ring-Kameras überwachen Eingangsbereiche, Eero-Router versorgen Haushalte mit WLAN. Alle diese Geräte sind permanent online, an festen Standorten installiert und bilden ein dichtes Netz aus Ortungspunkten – besonders in Wohngegenden.

Ring-Kameras spielen dabei eine kritische Rolle: Sie erfassen nicht nur Video, sondern scannen kontinuierlich ihre Umgebung nach Bluetooth-Signalen. Was Amazon als Mehrwert für Kunden darstellt, bedeutet faktisch: Jede Ring-Kamera wird zum Überwachungsknoten eines privatwirtschaftlichen Ortungsnetzwerks.

Apple Find My: 1,8 Milliarden mobile Ortungspunkte

Apples Find-My-Netzwerk ist seit April 2021 für Drittanbieter geöffnet. Jedes iPhone, iPad und jeder Mac mit aktiviertem Bluetooth wird automatisch Teil des Netzwerks – es sei denn, der Nutzer deaktiviert die Funktion explizit in den Einstellungen. Die schiere Masse macht das System extrem leistungsfähig: In städtischen Gebieten ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein verlorener AirTag binnen Minuten von einem vorbeilaufenden iPhone erfasst wird.

Apple betont die Datenschutzarchitektur: Die Ortungsdaten werden Ende-zu-Ende-verschlüsselt übertragen, Apple selbst kann nicht nachvollziehen, wem ein Tracker gehört oder wo er sich befindet. Die Kommunikation zwischen Tracker und iPhone erfolgt über wechselnde Bluetooth-Kennungen, die eine Verfolgung erschweren sollen.

Doch die Architektur schützt nur die Daten, nicht vor dem Missbrauch des Systems selbst: Ein AirTag in der Handtasche eines Opfers sendet seine Position an den Account des Stalkers, Apple sieht nur verschlüsselte Datenströme. Die Schutzmaßnahme greift erst, wenn das Opfer ein iPhone besitzt und die Warnung vor unbekannten Trackern aktiviert hat.

900 Millionen Geräte, null Opt-out

Die Kombination beider Netzwerke ergibt eine nahezu lückenlose Abdeckung. In einer durchschnittlichen europäischen Großstadt bewegt man sich faktisch durch ein Raster aus Ortungspunkten: iPhones in den Taschen der Passanten, Echo-Lautsprecher in den Wohnungen, Ring-Kameras an den Haustüren, Eero-Router in den Büros. Jedes dieser Geräte kann einen in der Nähe befindlichen Tracker erfassen und seine Position melden.

Das Problem: Es gibt kein echtes Opt-out. Man kann die Teilnahme des eigenen Geräts am Netzwerk deaktivieren, aber man kann nicht verhindern, dass die Geräte anderer Personen einen Tracker in der eigenen Nähe erfassen. Wer sich dem System entziehen will, müsste Bluetooth dauerhaft deaktivieren – was wesentliche Smartphone-Funktionen lahmlegt – und könnte dennoch von Ring-Kameras und Echo-Lautsprechern in der Umgebung erfasst werden.

Stalking-Fälle und unzureichende Schutzmaßnahmen

Die Missbrauchsfälle häufen sich: In den USA wurden mehrere Fälle dokumentiert, in denen Ex-Partner AirTags nutzten, um ihre Opfer zu verfolgen. Die Polizei in mehreren Bundesstaaten berichtet von Autodiebstählen, bei denen Täter AirTags an hochwertigen Fahrzeugen anbrachten, um sie später zu orten und zu stehlen.

Apple und Google haben 2023 einen gemeinsamen Standard für Warnungen vor unerwünschtem Tracking angekündigt. iOS zeigt seit iOS 14.5 eine Benachrichtigung an, wenn ein unbekannter AirTag längere Zeit in der Nähe ist. Android hat mit Android 13 eine ähnliche Funktion integriert. Die App "Tracker Detect" von Apple erlaubt es Android-Nutzern, aktiv nach AirTags in der Umgebung zu scannen.

Diese Maßnahmen greifen jedoch nur, wenn das Opfer ein Smartphone mit aktueller Software besitzt, Bluetooth aktiviert hat und die Warnfunktion nicht deaktiviert ist. AirTags geben nach drei Tagen einen Ton von sich, wenn sie von ihrem Besitzer getrennt sind – ein Zeitfenster, das für Stalking ausreicht. Zudem lässt sich der Lautsprecher physisch deaktivieren.

Zwischen Komfort und Überwachung

Amazon und Apple haben eine Infrastruktur geschaffen, die in ihrer Reichweite historisch beispiellos ist. Kein staatlicher Akteur verfügt über ein vergleichbar dichtes Ortungsnetzwerk. Die Tatsache, dass diese Systeme ohne explizite Zustimmung der erfassten Personen funktionieren – man wird zum Teil des Netzwerks, sobald ein Amazon- oder Apple-Gerät in der Nähe ist –, stellt einen Paradigmenwechsel dar.

Die Architektur ist bewusst so gestaltet, dass die Betreiber selbst keinen Zugriff auf die Ortungsdaten haben. Doch diese technische Beschränkung schützt nicht vor Missbrauch durch Einzelpersonen, vor staatlichen Zugriffen im Rahmen von Ermittlungen oder vor möglichen Sicherheitslücken, die das gesamte System kompromittieren könnten.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob diese Netzwerke technisch sicher sind. Die Frage ist, ob eine Gesellschaft akzeptieren will, dass privatwirtschaftliche Akteure eine Ortungsinfrastruktur aufbauen, der man faktisch nicht entkommen kann und deren Missbrauchspotenzial strukturell angelegt ist.

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DatenschutzAnalyse

Häufig gestellte Fragen

Was ist Amazon Search Party?
Search Party ist ein crowdbasiertes Ortungsnetzwerk, das Amazons Echo-, Ring- und Fire-TV-Geräte (über 400 Millionen Geräte) nutzt, um verlorene Gegenstände mit kompatiblen Trackern aufzuspüren.
Worin unterscheidet sich das von Apple Find My?
Beide funktionieren nach dem gleichen Prinzip eines crowdbasierten Mesh-Netzwerks. Apple nutzt 1,8 Milliarden aktive Geräte. Der Unterschied: Amazon Search Party deckt durch Ring-Kameras und Eero-Router auch Außenbereiche ab.
Warum sind diese Netzwerke ein Datenschutzproblem?
Diese Netzwerke ermöglichen potenziell die Echtzeitüberwachung beliebiger Personen durch einen in die Tasche gesteckten Tracker. Zusammen erfassen Amazon und Apple über 900 Millionen Geräte, die Tracker in ihrer Nähe automatisch erkennen.
Wie erkennt man, ob man durch einen AirTag oder Tracker verfolgt wird?
Apple und Google haben Warnungen vor unerwünschtem Tracking in iOS und Android integriert. Aktivieren Sie die Benachrichtigungen in Ihren Bluetooth-Einstellungen. Apps wie 'Tracker Detect' können unbekannte Tracker aufspüren.
Kann man sich diesen Netzwerken entziehen?
Nur schwer. Sie können Bluetooth deaktivieren und die Netzwerkteilnahme in den Einstellungen ausschalten, aber Sie können nicht verhindern, dass Geräte anderer Personen Sie erfassen. Es ist ein Netzwerk, dem man faktisch nicht entkommen kann.
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