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Französische Wikipedia verbietet KI beim Verfassen von Artikeln

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Das Dokument, das die Abstimmung trug, sagt selbst, es gebe kein absolutes Verbot.

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Französische Wikipedia verbietet KI beim Verfassen von Artikeln

Die Einleitung, neu geschrieben um ein Uhr nachts

In der Nacht von Sonntag auf Montag, um 0:58 Uhr, öffnet ein freiwilliger Mitarbeiter, der unter dem Namen Jules* zeichnet, eine Seite der französischsprachigen Wikipedia und ersetzt deren Einleitung. Sein Bearbeitungskommentar lautet: „Neue Einleitung, entsprechend dem Ergebnis der Umfrage.“ Die Seite trägt den Titel „Wikipédia:Intelligence artificielle générative“ (auf Deutsch etwa: Wikipedia und generative Künstliche Intelligenz).

Im Laufe des Tages macht die Meldung die Runde im französischsprachigen Netz: Die französischsprachige Wikipedia verbiete KI. Das Wort steht tatsächlich da. Dort heißt es seither, hier aus dem Französischen übersetzt: „Grundsätzlich gilt das Verbot der Nutzung generativer Künstlicher Intelligenz [...] für das Verfassen der Artikel.“ Bis zu jener Nacht hatte dieselbe Seite noch davon gesprochen, dass eine solche Nutzung „dringend abgeraten“ werde.

Unterhalb dieser Einleitung hat sich der Rest des Textes kaum verändert. Das ist kein Versehen der Redaktion: Das Dokument, das die Abstimmung organisiert hat, hält genau das fest, noch bevor die erste Stimme abgegeben wurde.

104 Stimmen dafür, 2 dagegen

Die Umfrage wurde am 31. August eröffnet. Die letzte Stimme datiert vom 13. September, 10:55 Uhr. Zu Frage 1, der Neuformulierung der Einleitung: 104 dafür, 2 dagegen, 7 neutral. Zu Frage 2, der Ergänzung eines Abschnitts über KI auf den Diskussionsseiten: 90 dafür, 5 dagegen, 7 neutral. Um mitzustimmen, musste ein Konto seit mindestens 90 Tagen bestehen und mindestens 500 Bearbeitungen aufweisen.

113 Stimmen, gemessen an den 6.551 Konten, die im August mindestens fünf Bearbeitungen auf der französischsprachigen Wikipedia vorgenommen haben, mag gering wirken. Tatsächlich ist das die übliche Beteiligung dieser Gemeinschaft an genau diesem Thema: 107 und 115 Stimmen bei den beiden Abstimmungen im Januar 2024, 138 im Mai 2025, als der Text als Empfehlung angenommen wurde. Verändert hat sich in zwei Jahren der Widerstand: Bei KI-generierten Texten gab es 2024 noch 23 Gegenstimmen, 2025 waren es 14, diesmal 2.

Eine der beiden Gegenstimmen ist eine Argumentation in vier Punkten, deren Verfasser in einer Fußnote vermerkt, er habe sie mit Unterstützung von Claude Opus 5 verfasst, die Stimme selbst bleibe aber seine eigene. Sein erster Punkt zielt auf das Wort, auf dem die gesamte neue Einleitung ruht: „‚Quasi-systematisch’ ist nicht belegt. Wir sehen nur die entdeckten Fälle, also die schlechten; korrekt belegte, KI-unterstützte Beiträge sind konstruktionsbedingt unsichtbar.“ Ein anderer Mitwirkender entgegnete ihm, generative KI sei kein neutrales Werkzeug, und der eigentliche Wert der französischsprachigen Wikipedia liege weiterhin „in der Zusammenarbeit zwischen Menschen“.

Vier geduldete Anwendungen davor, vier danach

Die Empfehlung enthält eine Liste geduldeter KI-Anwendungen. Vor der Abstimmung: das Zusammenfassen einer bereits gelesenen Quelle, Hilfe bei der Umformulierung, die Korrektur von Rechtschreibung und Typografie, die Prüfung der Bedeutung eines fremdsprachigen Worts.

Nach der Abstimmung: dieselben vier, in derselben Reihenfolge. Drei sind buchstabengetreu identisch. Die vierte, das Quellenresümee, wurde enger gefasst, nicht erweitert: Wer eine Quelle zusammenfasst, muss nun prüfen, dass die Zusammenfassung der Quelle entspricht. Auch die vier Prinzipien, die diese Anwendungen einrahmen, Konformität, Distanz, Verantwortung und Transparenz, bleiben unverändert. Die Liste ist in der Gliederung der Seite sogar aufgestiegen, von einem Unterabschnitt zu einem eigenständigen Abschnitt.

Ein letztes Detail, das klarste im ganzen Vorgang: Der einzige Satz des Textes, der eine Sanktion benennt, besagt, dass ein Missbrauch zur Schreibsperre des Kontos „führen kann“. Dieser Satz ist vorher wie nachher wortgleich. Er stand zweimal in der alten Fassung, in der neuen nur noch einmal: Verschwunden ist ausgerechnet der Satz aus der Einleitung.

Das Warnschild wurde in kräftigem Rot neu gestrichen. Die Absperrung selbst hat sich keinen Zentimeter bewegt.

Was das Abstimmungsdokument selbst dazu sagt

Von alldem wird nichts verborgen. Der Vorschlag, der den Abstimmenden vorgelegt wurde, nennt seine Absicht selbst, ebenfalls aus dem Französischen übersetzt: „Die Einleitung umformulieren und ausbauen, dabei denselben pragmatischen Geist beibehalten (kein absolutes Verbot der Nutzung generativer KI).“ Vorsorglich folgt ein weiterer Hinweis: „Diese geduldeten Anwendungen sind bereits in der Empfehlung beschrieben, und die vorliegende Umfrage schlägt keine Änderung daran vor.“

Die Begründung steht gleich darüber, im Abschnitt „Identifizierte Probleme“: Ein Teil der Leser liest von einer Regelseite nur die Einleitung, und eine KI, die „dringend abgeraten“ sei, klinge, so die Verfasser der Umfrage, „für viele Leser, insbesondere Anfänger, vermutlich wie ‚erlaubt’ und führe sie damit in die Irre“.

Es handelt sich also um eine redaktionelle Abwägung, öffentlich vollzogen: Zwischen der exakten Formulierung und der Botschaft, die ein Neuling mitnimmt, hat sich die Gemeinschaft für die Botschaft entschieden. Ähnlich, wie man GEFAHR auf eine Werkstatttür pinselt, statt dort die Zutrittsordnung auszuhängen. Ein neutral stimmender Nutzer brachte es während der Abstimmung ohne Hintergedanken auf den Punkt: „Es ist verboten, aber es gibt Ausnahmen, also ist es nicht wirklich verboten.“ Der Verfasser der Umfrage antwortete ihm noch am selben Abend, das sei bereits der Geist des vorherigen Textes gewesen, „nur wurde dieser Geist meiner Meinung nach unvollkommen und zu zweideutig wiedergegeben“.

Wozu verpflichtet eine Empfehlung überhaupt?

Die Seite trägt weiterhin den Baustein „Empfehlung“, auch der hat sich nicht geändert. Die französischsprachige Wikipedia unterscheidet zwischen Regeln, die per formellem Beschluss angenommen werden, und Empfehlungen, die durch bloßen Konsens entstehen. Der Referenztext ist eindeutig: „Anders als Regeln können Empfehlungen weniger streng eingehalten werden und lassen sich einem Mitwirkenden nicht immer entgegenhalten, wenn er sie nicht befolgt.“

Eine Empfehlung wiegt dennoch etwas. Ein interner Essay der Gemeinschaft erinnert daran, dass manche von ihnen regelmäßig in Sperrentscheidungen zitiert werden, während formal geltende Regeln folgenlos verletzt werden. Auf der französischsprachigen Wikipedia zeigt das Etikett eines Textes seinen Rang an, nicht die Konsequenz, mit der er durchgesetzt wird.

Eine Sache hat sich dagegen tatsächlich grundlegend geändert, und sie stammt aus der zweiten Abstimmungsfrage. Einem anderen Freiwilligen mit einem KI-generierten Text zu schreiben, gilt seither „als Verstoß gegen die Wikiquette“ (die Regeln des guten Umgangs). Diesen Absatz gab es vor dem 14. September nicht.

Der Vorbehalt geht bei der ersten Zusammenfassung verloren

Bleibt zu sehen, was aus einem Text wird, wenn er wandert. Frandroid veröffentlichte am Dienstagmorgen einen präzisen Artikel, der schwarz auf weiß festhält, dass „das Verbot dennoch nicht vollständig“ sei, und die geduldeten Fälle aufzählt. KultureGeek tat es ihm bereits am Vorabend gleich, mit einer eigenen Zwischenüberschrift zu den Ausnahmen.

Am selben Morgen veröffentlichte ein KI-Nachrichtenportal seine eigene Version derselben Meldung, mit dem Hinweis unter dem Titel, sie sei von seinen Agenten „auf Grundlage von Frandroid“ verfasst und „ohne vorherige menschliche Lektüre veröffentlicht“ worden. Die geduldeten Anwendungen fehlten dort vollständig, alle vier. Aus der Empfehlung wurde dort eine Regel, für deren Durchsetzung die Gemeinschaft „künftig ihre Wachsamkeit und ihre Erkennungswerkzeuge verstärken müsse“.

Ein starkes Wort am Anfang eines Textes übersteht jede Zusammenfassung. Die Ausnahmen, die es drei Absätze weiter unten relativieren, überstehen fast keine. Das wusste auch die Gemeinschaft der französischsprachigen Wikipedia: Genau diese Überlegung hatten die Verfasser der Umfrage niedergeschrieben, bevor überhaupt abgestimmt wurde.

Behandelte Themen:

EthikAnalyse

Häufig gestellte Fragen

Verbietet die französischsprachige Wikipedia wirklich KI?
Die neue Einleitung legt fest, dass grundsätzlich das Verbot der generativen KI gilt, für das Verfassen der Artikel. Das Dokument, das die Abstimmung organisiert hat, kündigt seinerseits an, denselben pragmatischen Geist zu bewahren (kein absolutes Verbot der Nutzung generativer KI), und die Seite behält eine Liste geduldeter Anwendungen.
Welche KI-Anwendungen bleiben auf der französischsprachigen Wikipedia geduldet?
Vier, unverändert in Anzahl und Reihenfolge vor und nach der Abstimmung: das Zusammenfassen einer bereits gelesenen Quelle, Hilfe bei der Umformulierung, die Korrektur von Rechtschreibung und Typografie, die Prüfung der Bedeutung eines fremdsprachigen Worts. Drei davon sind buchstabengetreu identisch. Das Quellenresümee wurde enger gefasst: Wer es nutzt, muss nun prüfen, dass die Zusammenfassung der Quelle entspricht.
Was riskiert ein Mitwirkender, der KI auf der französischsprachigen Wikipedia einsetzt?
Der einzige Satz des Textes, der eine Sanktion nennt, besagt, dass ein Missbrauch zur Schreibsperre des Kontos führen kann. Dieser Satz ist vor und nach der Abstimmung identisch. Die eigentliche Neuerung liegt woanders: Einem anderen Freiwilligen mit einem KI-generierten Text zu schreiben, gilt seither als Verstoß gegen die Wikiquette.
Was ist eine Empfehlung auf der französischsprachigen Wikipedia?
Sie unterscheidet zwischen Regeln, die per Beschluss angenommen werden, und Empfehlungen, die durch bloßen Konsens entstehen. Der Referenztext hält fest, dass Empfehlungen weniger streng eingehalten werden können und sich einem Mitwirkenden nicht immer entgegenhalten lassen. Ein interner Essay erinnert jedoch daran, dass manche Empfehlungen regelmäßig in Sperrentscheidungen zitiert werden.
Wie viele Mitwirkende haben abgestimmt?
Die Umfrage wurde am 31. August eröffnet, die letzte Stimme datiert vom 13. September. Zur Neuformulierung der Einleitung: 104 dafür, 2 dagegen, 7 neutral. Zur Ergänzung eines KI-Abschnitts auf den Diskussionsseiten: 90 dafür, 5 dagegen, 7 neutral. Nötig war ein Konto, das seit mindestens 90 Tagen bestand und mindestens 500 Bearbeitungen aufwies.
Katja Liersch

Katja Liersch

Mitgründerin & Journalistin

Katja ist Journalistin und TV-Produzentin. Mit jahrzehntelanger Erfahrung in den Mainstream-Medien bringt sie bei Declic Media die Perspektive derjenigen ein, die KI entdecken: neugierig, anspruchsvoll und pragmatisch. Sie sorgt dafür, dass jeder Inhalt wirklich alle anspricht.

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