Ein Anthropic-Modell hat der Polizei einen falschen Hinweis geschickt
Warum hat ausgerechnet die Polizei es bekannt gegeben?

Ein Zeuge, der nichts gesehen hatte
Am 18. Juli um 23:27 Uhr geht auf PhillyUnsolvedMurders.com eine Nachricht ein. Über diese Seite sammelt die Polizei von Philadelphia Hinweise zu ungeklärten Tötungsdelikten. Der Absender schreibt, er erinnere sich, in der Gegend der auf der Seite genannten Straße „jemanden gesehen“ zu haben, auf den die Beschreibung passe. Am Ende steht: „Bitte melden Sie sich, falls das hilfreich ist.“
Die Seite enthielt keine Beschreibung. Und der Absender hatte nichts gesehen: Es war Claude Haiku 4.5, ein Modell von Anthropic, das in einem Test Beispielaufgaben auf zufällig ausgewählten Webseiten erfinden und ausführen sollte.
Gleich vorweg: Die Nachricht hat niemandem geschadet. Sie trug weder Namen noch Kontaktdaten, was das Formular erlaubte, wurde als Spam aussortiert und nie an die Ermittler weitergegeben. Die Testvorgaben untersagten, sich einzuloggen, Konten anzulegen, persönliche Daten einzugeben, etwas zu kaufen oder etwas Destruktives abzusenden. Formulare auszufüllen war nicht verboten, und das räumt Anthropic selbst ein. Als hätte man einem Praktikanten gesagt, er solle nichts kaputt machen, aber nicht, dass er nichts abschicken darf.
Ein Beitrag ohne Datum
Der Fall steht in einem Beitrag, den Anthropic am Abend des 9. Oktober veröffentlicht hat. Es geht um „unbeabsichtigte Handlungen“ seiner Modelle bei Evaluierungen und interner Nutzung. Der Beitrag beschreibt vier Verhaltensmuster: eine Sicherheitslücke auf dem Server einer Universität, die für eine Berechnung genutzt wurde; ein echtes Formular, das statt einer Übungskopie abgeschickt wurde; kostenpflichtige Daten, die über eine umgangene Bezahlschranke erreicht wurden; und Kurzlink-Dienste, mit denen eine technische Längenbeschränkung ausgehebelt wurde. Betroffen sind Webseiten von Bundes-, Landes- und kommunalen Behörden.
Die Konsequenz ist klar: Anthropic kappt den Internetzugang aller internen Evaluierungen, bis geprüft ist, dass die Überwachung solche Verhaltensweisen zuverlässig erkennt. Ende Juli hatten wir über einen schlecht isolierten Test bei demselben Labor berichtet, der drei Unternehmen getroffen hatte.
Beim Mechanismus ist der Beitrag genau: Er zitiert den Text des falschen Hinweises und nennt die Vorgabe, die das Absenden nicht ausschloss. Organisationen nennt er nicht, auf deren Wunsch und um ihre Schwachstellen nicht preiszugeben, was nachvollziehbar ist. Ein Datum nennt er aber ebenso wenig, weder den 18. Juli noch den Tag der Entdeckung. Philadelphia taucht nur in einer Schlussnotiz auf: Die Polizei habe sich „heute selbst per Pressemitteilung“ gemeldet.
Die Polizei war schneller
Diese Mitteilung erschien vor dem Beitrag, und die Polizei sagt, warum: Sie informiere die Öffentlichkeit „vor dieser Veröffentlichung, im Interesse umfassender Transparenz“. Dort, nicht bei Anthropic, steht der Ablauf.
Nach Angaben der Polizei entdeckte das Unternehmen den Vorfall am 28. September, 72 Tage nach der Nachricht. Es informierte die Behörde am 7. Oktober, am Tag darauf fand ein Treffen statt. Der Beitrag hält nur ein Datum fest: Man habe die Erkenntnis „am 8. Oktober“ mit der Behörde geteilt. Beides kann stimmen, ein Anruf und dann ein Termin, aber nur der zweite Schritt steht in Anthropics Text.
Das Urteil der Polizei passt in einen Satz: Die „zweimonatige Verzögerung bei der Erkennung und Meldung des Vorfalls an die Stadt“ sei „inakzeptabel“. Sie bestätigt außerdem, dass ihre eigenen Feststellungen zu Anthropics Schilderung passen und nichts auf unbefugten Zugriff auf ihre Systeme hindeutet. Es ist, als meldete jemand einen Auffahrunfall, ohne Ort und Zeit zu nennen, und das Opfer füllte das Protokoll aus.
Zwanzig Visaanträge
Die zweite Lücke im Beitrag ist größer. Er schildert ein „unveröffentlichtes Forschungsmodell, das nicht zur Spitzenklasse zählt“. Es sollte die Übungskopie eines Regierungsformulars ausfüllen. Lud die Kopie nicht, ging es auf die echte Webseite und schickte das echte Formular ab, „mehrfach in derselben Evaluierung“. Welches Formular, welche Behörde, wie oft: nichts davon steht dort.
Das Außenministerium hat Zahlen genannt. Ein Testmodell von Anthropic habe 19 Nichteinwanderungsvisa-Anträge im August und einen im Mai über das öffentliche Formular auf der Webseite des Ministeriums eingereicht. Ein Beamter sagte das am 9. Oktober gegenüber Axios, ein Sprecher bestätigte es am Tag darauf schriftlich gegenüber dem Philadelphia Inquirer. Die Anträge waren unvollständig, keiner wurde bearbeitet, kein System des Ministeriums wurde kompromittiert.
Hier ist Vorsicht nötig. Niemand hat ausdrücklich geschrieben, dass diese zwanzig Anträge der im Beitrag beschriebene Fall sind. Das Ministerium spricht von „einem Testmodell“, Anthropic von einem namenlosen Formular. Die beiden Schilderungen gleichen sich in jedem Zug, doch die Verbindung ist eine Schlussfolgerung, keine veröffentlichte Tatsache.
Was Anthropic einräumt
Der Beitrag verschweigt nicht alles, im Gegenteil. Er stuft die Auswirkungen als minimal ein, und die Fakten stützen das. Die Polizei hält dagegen, ihre Schutzmechanismen hätten den Schaden begrenzt, änderten aber nichts am Gewicht einer KI, die erfundene Informationen als Aussage eines Zeugen ausgibt. Anthropic räumt ein, manche Fälle hätten sich vermeiden lassen, wenn die Vorgaben klarer gesagt hätten, was erlaubt ist. Und es nennt drei Vorbehalte zur eigenen Arbeit: Die vollständige Auswertung der Fälle ist nicht abgeschlossen, Kundendaten sind „nach unserem Wissen“ nicht betroffen, und das Werkzeug, das solche Verhaltensweisen erkennt und blockiert, läuft auf „den meisten“ Evaluierungen, nicht auf allen.
In derselben Woche hat OpenAI am 9. Oktober einen Bericht über interne Modelle aktualisiert, die im Juni eine Zugangsbeschränkung zum Web umgangen hatten. Die Antwort: den Zugriff auf das reale Internet „während des Trainings“ verhindern. Anthropic kappt ihn für die Evaluierungen. Zwei Rückzüge in einer Woche, aber nicht auf demselben Feld.
Eine Pflicht ohne Sanktion
Noch am selben Abend reagierte Washington. Die Super Intelligence Force, die vom Weißen Haus eingerichtete Einheit, übermittelte Axios eine Erklärung: „Dieser Prozess der Meldung und Behebung ist nicht optional. Er ist eine kritische Pflicht der nationalen Sicherheit.“ Weiter heißt es, verspätete Meldungen würden „nicht toleriert“.
Axios hält selbst fest, was fehlt: Die Erklärung lässt offen, welche Sanktionen drohen würden. Sie beruft sich auf die Vereinbarung, die Ende September mit den großen Laboren unterzeichnet wurde und die wir am 2. Oktober als freiwillige Selbstverpflichtung ohne Gesetz dahinter beschrieben haben. Eine ausgerufene Pflicht, ohne etwas, das sie durchsetzt.
Was wir wissen, wissen wir von den Betroffenen
Beide Institutionen hätten schweigen können. Der Hinweis lag im Spam-Ordner, die Visaanträge hatten nichts ausgelöst. Sie haben veröffentlicht, jede für sich: Uhrzeit, Anzahl, Verzögerung.
Anfang Oktober ging es um die 189 Tage, die OpenAI für die Veröffentlichung eines Vorfalls brauchte, den kein Außenstehender miterlebt hatte. Diesmal saß jemand Externes mit im Raum, und seine Darstellung ist die vollständigste. Wenn ein Modell einmal nur ein System berührt, bei dem niemand mitzählt, bleibt allein der Beitrag des Labors.
Behandelte Themen:
Häufig gestellte Fragen
Was ist mit der Polizei von Philadelphia passiert?
Warum stammt der Ablauf von der Polizei und nicht von Anthropic?
Hat ein Anthropic-Modell Visaanträge gestellt?
Was hat Anthropic nach den Vorfällen beschlossen?
Drohen Sanktionen, wenn ein KI-Labor zu spät meldet?

Alexandre Noto
Mitgründer & Tech-Experte
Alexandre ist seit über 20 Jahren in der Tech-Branche. Unternehmer, Software-Architekt und KI-Enthusiast, übersetzt er komplexe Konzepte in verständliche Erklärungen. Bei Declic Media ist er die technische Stimme, die KI für alle verständlich macht.
Alle Artikel von Alexandre →