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Character.AI steht zum Verkauf, Ihre Chats könnten mitgehen

Wer entscheidet über das, was Nutzer der Firma anvertraut haben?

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Character.AI steht zum Verkauf, Ihre Chats könnten mitgehen

Ein Richter in Delaware hat den Hammer

Auf Character.AI spricht man mit Figuren. Man erzählt ihnen von einer Trennung, von Ängsten, vom Roman, an dem man gerade schreibt, manchmal von Dingen, die man sonst niemandem sagt. Seit dem 12. Oktober steht das Unternehmen, das diese Gespräche aufbewahrt, zum Verkauf.

An diesem Tag hat Character Technologies, die Firma hinter der App, vor dem Insolvenzgericht in Delaware Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragt (Aktenzeichen 26-11603). Laut ihrer Mitteilung sollen alle oder nahezu alle Vermögenswerte unter Aufsicht des Gerichts verkauft werden, der Abschluss ist für Ende November oder Anfang Dezember angestrebt. Die Plattform läuft vorerst weiter. Findet sich kein Käufer, wird sie abgeschaltet.

Als erster Bieter ist eine Disney-Tochter angemeldet. Für 20 Millionen Dollar bekommt sie eine nicht exklusive, unbefristete Lizenz an einem Teil des geistigen Eigentums sowie an bestimmten Ansprüchen des Unternehmens. Im Gegenzug stellt sie Übergangsleistungen bereit, erbracht von früheren Character.AI-Mitarbeitern, die sie eingestellt hat. Die Plattform selbst kauft sie damit nicht. Das Gebot dient als Untergrenze, andere dürfen überbieten. Zu den Nutzerdaten schweigt die Mitteilung: Sie schließt sie weder ein noch aus.

Was das Unternehmen in der Hand hat

Die Datenschutzrichtlinie von Character.AI, seit dem 1. Juli 2026 in Kraft, listet auf, was erhoben wird: Kennungen, Geburtsdatum, Stimmaufnahmen für alle, die die Sprachfunktionen nutzen, und die Gespräche mit den Figuren. Die Daten dienen unter anderem dazu, die KI-Modelle des Unternehmens zu trainieren. Eine Zusatzseite erklärt, dass man dieser Nutzung widersprechen kann und dass die Gespräche vor dem Training vom Konto gelöst und von direkt identifizierenden Angaben bereinigt werden.

Derselbe Text räumt ein, dass Nutzer mitunter sensible Informationen preisgeben, etwa zu Religion, sexueller Orientierung oder Herkunft, und bittet sie, das zu unterlassen. Ein Tresor, an dem ein Zettel bittet, nichts Wertvolles hineinzulegen, bleibt ein Tresor. Und über seinen Inhalt ist noch nicht entschieden.

Der Fall wiegt schwerer als die Abwicklung eines gewöhnlichen Start-ups. Im Januar hatte Character.AI laut The Next Web fünf Verfahren beigelegt, die mit psychischen Krisen und Suiziden Jugendlicher zusammenhingen.

Der Wächter im Gesetz und seine Bedingung

Das US-Insolvenzrecht kennt das Problem. Section 363 regelt den Verkauf personenbezogener Daten durch ein insolventes Unternehmen. Hatte es seinen Kunden eine Richtlinie mitgeteilt, die die Weitergabe ihrer Daten an Dritte untersagt, muss der Verkauf dieses Versprechen einhalten. Andernfalls ist ein Verbraucherdatenschutz-Ombudsmann zu bestellen (Section 332), es braucht eine Anhörung und die Zustimmung des Richters.

Alles hängt also an einer Vorfrage: Was hatte das Unternehmen versprochen? Wir haben nachgelesen, was Character.AI dazu sagt.

In der Rubrik zu Geschäftsübertragungen behält sich das Unternehmen vor, Informationen weiterzugeben, wenn es zu einer Fusion, einem Verkauf von Vermögenswerten, einer Finanzierung oder einer Übernahme seines Geschäfts ganz oder teilweise kommt. Die Seite zu den Gesetzen der US-Bundesstaaten geht weiter: Bei einem Verkauf oder einer Übertragung des Geschäfts darf Character.AI alle oder einen Teil der aufgeführten Datenkategorien weitergeben. Die Gespräche gehören zu diesen Kategorien, die sensiblen Angaben ebenfalls.

Auf derselben Seite, wenige Zeilen höher, versichert das Unternehmen, keine personenbezogenen Daten gegen Geld zu verkaufen und kein Datenhändler zu sein. Beide Sätze passen zusammen: Man verkauft nicht die Daten, man verkauft das Unternehmen, das sie hält.

Von einer Insolvenz ist darin nirgends die Rede. Das ist auch nicht nötig, denn ein vom Gericht überwachter Vermögensverkauf bleibt ein Vermögensverkauf. Wörtlich gelesen verlangt Section 363 in diesem Verfahren daher keinen Wächter, weil das Versprechen, das sie schützt, nie gegeben wurde. Das ist eine Lesart des Gesetzestextes, keine Gerichtsentscheidung: Der Richter, der U.S. Trustee oder ein Gläubiger können die Frage noch aufwerfen.

Was ein Wächter bewirkt, wenn es ihn gibt

Wie viel dieser Schutz ausmacht, zeigt ein frischer Präzedenzfall. Die Fluggesellschaft Spirit Airlines, in New York insolvent, hat die Daten ihres Geschäfts versteigern lassen: E-Mails, interne Nachrichten, Dokumente. Laut der am 14. August beim Gericht eingereichten Mitteilung zum Ergebnis ging der Zuschlag für 10 Millionen Dollar an Google, vor Mercor, einem Start-up, das KI-Labore mit Trainingsdaten beliefert, mit 7,5 Millionen. Im Anhang des Vertrags sind 100 Millionen E-Mails und 500 Millionen Teams-Nachrichten verzeichnet.

In diesem Verfahren wurde eine Ombudsfrau bestellt, Lucy Thomson. Ihr ergänzender Bericht vom 5. Oktober zeigt, was die Gespräche zwischen Spirit, Google und ihr bewirkt haben. Die Passagierdatenbanken wurden aus dem Paket genommen, ebenso Erstattungen, Käufe an Bord und WLAN-Daten, sodass nach ihrer Darstellung keine Daten von Kindern oder Jugendlichen an den Käufer gehen. Die verbleibenden E-Mails soll ein unabhängiger Dienstleister, Tonic.ai, von Personenbezügen bereinigen, und die Bestätigung dieser Arbeit wird zur Bedingung des Verkaufs.

Aus Sicht des Datenschutzes, so ihr Fazit, wäre der Verkauf für die 97 Millionen betroffenen Kunden angemessen. Der Preis von 10 Millionen stammt dagegen aus der Auktion im August, vor der Verkleinerung des Pakets.

Eine Fußnote steckt die Grenzen ab

Derselbe Bericht enthält zweimal eine Fußnote, die den Rahmen der Prüfung benennt. Die Ombudsfrau schreibt dort, sie habe weder untersucht noch beurteilt, welche Risiken Verkauf oder Bereinigung für die betroffenen Beschäftigten oder für Dritte bergen. Die Firmen-E-Mails, die Mitarbeiterdaten enthalten, bleiben aber Teil des Verkaufs.

Ihr Mandat gilt den Verbrauchern. Die Angestellten von Spirit, deren Arbeitskorrespondenz bei Google landet, liegen außerhalb ihres Auftrags, und sie hält das schriftlich fest. Ein Museumswärter bewacht die Gemälde, nicht die Menschen, die in den Depots arbeiten.

Der Markt, der von solchen Paketen lebt, wächst. Die MIT Technology Review beschrieb am 13. Oktober Firmen, die sich auf die Abwicklung von Start-ups spezialisiert haben und deren Arbeitsarchive inzwischen an KI-Labore weiterverkaufen. Eine davon, SimpleClosure, gibt an, dass 47 Prozent ihrer Fälle einen Verkauf von Code oder Daten umfassen. Die zitierte Juristin Ifeoma Ajunwa weist darauf hin, dass kein Bundesgesetz solche Verkäufe verbietet.

Was man noch nicht weiß

Der entscheidende Punkt ist nicht öffentlich. Laut ihrer Mitteilung hat Character.AI einen Antrag zu den Bieterregeln eingereicht, der klären wird, was zu welchen Bedingungen zum Verkauf steht. Als wir die Akte am 13. Oktober einsahen, war er dort noch nicht veröffentlicht: elf Schriftstücke, vom Benachrichtigungsdienstleister eingestellt, alle zur Fortführung des Betriebs, von Löhnen bis zu Stromrechnungen.

Ob die Gespräche zum Paket gehören, ist daher offen, und ebenso, ob das Unternehmen von sich aus Schutzmaßnahmen wie bei Spirit vorschlägt.

Bei Spirit sind die Daten von Kindern und Jugendlichen im Laufe der Gespräche mit der Ombudsfrau aus dem Verkauf genommen worden. Im Verfahren in Delaware nennt bislang kein Schriftstück jemanden, der diese Frage stellen würde.

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Häufig gestellte Fragen

Was passiert gerade bei Character.AI?
Am 12. Oktober 2026 hat Character Technologies, das Unternehmen hinter der App, vor dem Insolvenzgericht in Delaware Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragt (Aktenzeichen 26-11603). Laut Mitteilung sollen alle oder nahezu alle Vermögenswerte verkauft werden, der Abschluss ist für Ende November oder Anfang Dezember angestrebt. Die Plattform läuft vorerst weiter; findet sich kein Käufer, wird sie abgeschaltet.
Kauft Disney Character.AI?
Eine Disney-Tochter ist der erste angemeldete Bieter. Für 20 Millionen Dollar erhält sie eine nicht exklusive, unbefristete Lizenz an einem Teil des geistigen Eigentums sowie an bestimmten Ansprüchen des Unternehmens. Das Gebot dient als Untergrenze, andere dürfen überbieten. Von einer Übernahme der Plattform ist nicht die Rede.
Können die Gespräche der Nutzer verkauft werden?
Die Datenschutzrichtlinie erlaubt Character.AI, bei einem Verkauf oder einer Übertragung des Geschäfts alle oder einen Teil der aufgeführten Datenkategorien weiterzugeben, und die Gespräche gehören zu diesen Kategorien. Dieselbe Seite versichert, das Unternehmen werde keine personenbezogenen Daten gegen Geld verkaufen. Ob die Gespräche im Paket sind, weiß man noch nicht: Der Antrag zu den Bieterregeln ist laut Mitteilung eingereicht, war aber am 13. Oktober nicht in der Akte veröffentlicht.
Wird ein Datenschutzbeauftragter bestellt?
Section 363 des US-Insolvenzrechts verlangt einen Verbraucherdatenschutz-Ombudsmann (Section 332), wenn das Unternehmen zugesagt hatte, Daten nicht an Dritte weiterzugeben. Character.AIs Richtlinie kündigt eine solche Weitergabe bei einem Verkauf dagegen an: Wörtlich gelesen verlangt Section 363 also keinen Wächter. Das ist eine Lesart des Gesetzestextes, keine Gerichtsentscheidung. Der Richter, der U.S. Trustee oder ein Gläubiger können die Frage noch aufwerfen.
Was geschah mit den Daten von Spirit Airlines?
Laut der am 14. August eingereichten Mitteilung zum Ergebnis gewann Google die Auktion für 10 Millionen Dollar, vor Mercor mit 7,5 Millionen. Die Ombudsfrau Lucy Thomson wurde bestellt; nach ihrem Bericht vom 5. Oktober blieben die Passagierdatenbanken außen vor, und nach ihrer Darstellung gehen keine Daten von Kindern oder Jugendlichen an den Käufer. Der Preis von 10 Millionen stammt aus der Auktion im August, vor der Verkleinerung des Pakets.
Katja Liersch

Katja Liersch

Mitgründerin & Journalistin

Katja ist Journalistin und TV-Produzentin. Mit jahrzehntelanger Erfahrung in den Mainstream-Medien bringt sie bei Declic Media die Perspektive derjenigen ein, die KI entdecken: neugierig, anspruchsvoll und pragmatisch. Sie sorgt dafür, dass jeder Inhalt wirklich alle anspricht.

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