Die KI ersetzt nur 5 % der Jobs, sagt ein Nobelpreisträger?
Wir haben die Rechnung nachgelesen.

Der Satz, der überall auftaucht
„Solo il 5% di noi perderà il lavoro per colpa dell'AI“ lautet die Schlagzeile von Punto Informatico vom 7. Oktober (aus dem italienischen Text): Nur 5 % von uns verlieren wegen der KI ihre Arbeit. Am selben Tag titelte das indische Business Today über einen Nobelpreisträger, der in zehn Jahren nur bei 5 % der Jobs Veränderungen sieht.
Ausgelöst wurde das am Tag davor. Mustafa Suleyman, der bei Microsoft die KI-Sparte leitet, hat auf X einen Essay von Daron Acemoglu geteilt, Wirtschaftsnobelpreisträger 2024. Der Text erschien bereits im Juli 2026 in der Humanist Review, dem Magazin von Microsoft AI. Neu ist der Satz ohnehin nicht: Schon am 2. Oktober 2024 überschrieb Bloomberg einen Beitrag mit „AI Can Only Do 5% of Jobs, Says MIT Economist Who Fears Crash“, sinngemäß: Die KI kann nur 5 % der Jobs erledigen.
Die Zahl hat eine öffentliche Quelle: Acemoglus Forschungspapier „The Simple Macroeconomics of AI“, im Mai 2024 vom NBER veröffentlicht und später in Economic Policy erschienen. Wir haben es gelesen. Die Zahl steht darin, bis auf ein paar Zehntel. Die Einheit nicht.
4,6 % wovon?
Die Rechnung passt in eine Zeile: 0,23 × 0,200 = 4,6 %.
Der erste Faktor, 20 %, ist der Anteil der Aufgaben in der US-Arbeitswelt, der laut einer Studie von Eloundou und Kollegen (2023) KI „ausgesetzt“ ist, nach Berufen aggregiert und nach Lohnsumme gewichtet. Der zweite, 23 %, ist der Anteil dieser Aufgaben, den Maschinen binnen zehn Jahren rentabel übernehmen könnten; die Schätzung stammt aus Arbeiten zur Bilderkennung. Ergebnis: 4,6 % der Tätigkeiten, danach auf 5 % gerundet.
Zwei Einschränkungen ändern die Lesart. Erstens schreibt der Autor selbst, dass er diese Expositionswerte übernimmt, ohne Automatisierung und Unterstützung der Beschäftigten zu unterscheiden. „Exponiert“ bedeutet, dass die KI bei einer Aufgabe eingreifen kann, nicht, dass sie den ersetzt, der sie erledigt. Zweitens warnt er, dass sich keiner der beiden Faktoren genau schätzen lässt, und bittet darum, seine Zahlen nur als grobe Hinweise zu lesen.
Ein Beruf ist wie ein Schlüsselbund. Dass eine Maschine eines von zwanzig Schlössern öffnen kann, sagt nicht, wie viele Menschen ihren Bund abgeben müssen.
Was das Papier einräumt und was Schlagzeilen daraus machen
Die Rechnungszeile endet allerdings mit einer Klammer: „4.6% of all tasks (or occupations)“. Das Papier öffnet selbst die Tür zu den Berufen, weil die Exposition Beruf für Beruf gemessen wird. Aus einem gewichteten Anteil von Tätigkeiten macht es aber keine Zahl gestrichener Stellen: In dieser Rechnung wird keine Entlassung gezählt.
Bei Bloomberg rutscht eher die Schlagzeile ab als der Text. Im Artikel von 2024, wie ihn die portugiesische Ausgabe Bloomberg Línea übernommen hat, können nur 5 % der Arbeitsplätze durch KI ersetzt oder zumindest stark unterstützt werden. Diese Nuance passt zur Expositionsmessung. Die Schlagzeile hat sie verloren.
Punto Informatico geht am weitesten: Laut Text werden in zehn Jahren 5 % der Menschen im Berufsleben durch KI ersetzt. Business Today zitiert den Essay zunächst richtig, mit 5 % dessen, was Menschen tun, schreibt aber einen Absatz später, nur 5 % der menschlichen Jobs könnten ersetzt werden. Sogar das MIT-Zentrum, das Acemoglu mitleitet, fasst das Bloomberg-Interview mit 5 % der Jobs zusammen.
Die 0,66 %: eine Obergrenze, gelesen als Prognose
Diese 4,6 % der Tätigkeiten, multipliziert mit durchschnittlich 14,4 % Kostenersparnis bei den betroffenen Aufgaben, ergeben 0,0066: höchstens 0,66 % Zuwachs bei der totalen Faktorproduktivität in zehn Jahren, rund 0,064 % pro Jahr.
Das „höchstens“ steht im Text. Die Zusammenfassung schreibt „no more than“, also nicht mehr als, und das Fazit spricht von einer Obergrenze.
Das Papier zählt dann auf, was sie noch zu hoch ausfallen lassen könnte. Digitale Technologien folgen oft einer J-Kurve: Jahrelang flach, dann steil. Falls das hier gilt, schreibt Acemoglu, könnten die 14,4 % Kostensenkung für das kommende Jahrzehnt deutlich überschätzt sein. Und berücksichtigt man Aufgaben, die Maschinen schwer lernen, sinkt die Grenze auf 0,53 %.
Eine Grenze ist trotzdem keine Mauer. Dasselbe Papier rechnet großzügigere Varianten durch: 0,89 % mit den Gewinnen einer anderen Studie, rund 0,9 %, wenn sich Automatisierung bei 30 % der exponierten Aufgaben lohnt. Die 0,66 % sind die Obergrenze seines Basisszenarios, unter Annahmen, die er einzeln benennt. Das ist das Tempolimit auf dem Schild, nicht die Ankunftszeit im Navi.
Am 31. Mai 2024 setzte Le Monde Informatique (aus dem französischen Text) in Anführungszeichen, Acemoglu schreibe, die KI werde die Produktivität in zehn Jahren nur um 0,66 % steigern. Im Papier steht, der Effekt dürfte diesen Wert nicht übersteigen. Der Unterschied liegt in wenigen Wörtern und trennt eine Obergrenze von einer Prognose. Derselbe Artikel gibt die auf 0,53 % gesenkte Grenze korrekt wieder, und The Register hatte zwei Tage zuvor die genaue Formel zitiert.
Wenn der Autor selbst rundet
Die Verschiebung geht nicht nur von der Presse aus. In einem Gastbeitrag für Fortune schrieb Acemoglu am 6. August 2024, man komme auf einen Produktivitätsgewinn von nur 0,66 % in zehn Jahren, wahrscheinlicher liege der Effekt zwischen 0,5 und 0,6 %. Er räumt darin große Unsicherheit ein, doch aus der Obergrenze ist eine wahrscheinliche Spanne geworden.
Im Essay vom Juli 2026 erzählt er seine Zahl noch einmal anders. Die 5 % sind dort ein Viertel jener 20 % der Arbeit, die sich seiner Darstellung nach vollständig automatisieren lässt, während das Papier von exponierten Aufgaben sprach, Automatisierung und Unterstützung zusammengenommen. Seine Zahlen von 2024 nennt er eine Prognose, die 5 % bezeichnet er als „guesstimate“: eine Schätzung über den Daumen.
Dasselbe beim BIP. Der Essay erinnert an eine Prognose von rund 1,5 % mehr BIP in zehn Jahren. Das Papier gab zwei Spannen an: 0,93 bis 1,16 % bei mäßigen Investitionen, 1,4 bis 1,56 % bei einem Boom. Die 1,5 % sind also das obere Ende des günstigsten Szenarios. Und sie erinnern an eine Zahl von Goldman Sachs, die das Papier bestreitet, nur dass sich diese auf 1,5 % mehr Produktivitätswachstum pro Jahr bezog.
Was stimmt
Die These trägt. Mit seinen eigenen Annahmen zeigt Acemoglu, dass man weit von den wirtschaftlichen Umwälzungen entfernt bleibt, die andere ankündigen. 2026 hält er fest, dass seine Zahlen vorerst standhalten, räumt aber ein, dass die Modelle schneller vorangekommen sind, als er erwartet hatte.
Was der Satz „5 % der Jobs“ hinzufügt, steht dagegen in keiner dieser Rechnungen: weder, wie viele Stellen wegfallen, noch, wie viele sich verändern. Wir hatten es im April bei der Coface-Studie gesehen: KI zerlegt Berufe in Tätigkeiten, lange bevor sie Stellen streicht. Und die J-Kurve, auf die sich Acemoglu beruft, knüpft an das Produktivitätsparadox an, das wir im März beschrieben haben.
Das Papier zählt Tätigkeiten und setzt eine Obergrenze. Die Schlagzeilen zählen Menschen und kündigen eine Zukunft an.
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Häufig gestellte Fragen
Woher stammt die 5-%-Zahl, die Daron Acemoglu zugeschrieben wird?
Sagt Acemoglu, die KI werde 5 % der Arbeitsplätze vernichten?
Was bedeuten die 0,66 % Produktivität?
Ist die Zahl von 0,66 % eine Prognose?
Woher kommen die 1,5 % des BIP, die 2026 genannt werden?

Julien-Pierre Noto
Unternehmer & Stimme aus der Praxis
Julien-Pierre ist Unternehmer mit über zwanzig Jahren Praxiserfahrung in Bau und Immobilien. Seit drei Jahren arbeitet er täglich mit KI in einem KMU — nicht im Labor: an echten Fällen, mit echten Kunden. Als Gründer von ONDE AI R&D, einem angewandten Forschungslabor zur Mensch-KI-Arbeit, veröffentlicht er seine Methoden als Open Source — was funktioniert und was nicht. Bei Declic Media ist er die Stimme aus der Praxis: angewandte KI, die ihren Nutzen beweisen muss.
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