KI: Franzosen wollen Regeln, ihre Politiker bremsen
Eine parteiübergreifende Mehrheit der Franzosen will strengere KI-Regeln. Zugleich verschieben ihre Regierungen, allen voran Paris, die zentralen Pflichten des EU-Gesetzes um zwei Jahre.

KI: Franzosen wollen Regeln, ihre Politiker bremsen
8 Prozent. So groß ist der Anteil der Franzosen, die die Entwicklung der KI beschleunigen wollen, laut einer OpinionWay-Umfrage, die das Zentrum für KI-Sicherheit (CeSIA) im April 2026 veröffentlicht hat. Es ist zugleich, ungefähr, die einzige Zahl der Erhebung, die zu dem passt, was ihre Regierenden gerade beschlossen haben.
Denn während 8 Prozent der Befragten aufs Gaspedal treten wollen, hat die Europäische Union die schwersten Pflichten des AI Act soeben um rund zwei Jahre verschoben. Eine Verschiebung, für die Frankreich aktiv geworben hat. Die Kluft betrifft nicht nur den Kalender. Sie ist demokratisch. Und sie verläuft weniger zwischen Brüssel und Paris als zwischen einer Bürgermehrheit und ihrer eigenen politischen Klasse.
Was die Franzosen wollen
Die CeSIA-Umfrage beruht auf einer national repräsentativen Stichprobe von 2.065 Erwachsenen, befragt vom 25. März bis zum 9. April 2026. Die Zahlen lassen wenig Spielraum für Deutung.
42 Prozent der Franzosen wollen die KI-Entwicklung stark verlangsamen oder pausieren. 56 Prozent ziehen es vor, dass der Staat die Richtung vorgibt, gegenüber 25 Prozent für private Unternehmen. Und 62 Prozent wollen die Technologie auf Sicherheit, Rechte und Ethik ausrichten, gegenüber 21 Prozent für Leistung und Innovation.
Am bemerkenswertesten ist eine Zahl: 78 Prozent unterstützen internationale Abkommen, die KI-Anwendungen verbieten, welche menschliches Leben oder Grundrechte bedrohen. Diese Mehrheit zieht sich durch das gesamte politische Spektrum. Von 74 Prozent bei den Wählern des rechten RN bis 89 Prozent bei den konservativen LR, dazwischen 79 Prozent bei der linken LFI, 79 Prozent bei den Grünen sowie 88 Prozent bei den Sozialisten wie im Präsidentenlager. Bei wenigen Themen findet sich eine so breite Übereinstimmung von einem Ende zum anderen.
Was ihre Regierenden beschließen
Der AI Act gilt theoretisch weiterhin ab dem 2. August 2026. Doch sein Kern, die Pflichten für sogenannte Hochrisiko-Systeme, verschiebt sich um rund zwei Jahre auf Dezember 2027, bei KI in Medizinprodukten sogar auf August 2028. Die Definition von "Hochrisiko" wurde dabei enger gefasst. Die genaue Mechanik, ihre Ausnahmen und das Lobbying darum herum haben wir in einem eigenen Beitrag dargelegt.
Der Kern liegt anderswo: Diese Verschiebung wurde von den Hauptstädten selbst getragen, Frankreich vorneweg. Die Entscheider, die bremsen, sitzen auch in Paris, unter den Gewählten, die man dorthin geschickt hat.
Wer drängt, und in wessen Namen
Konkret, wer drängt? Bereits im November 2025 unterstützten Frankreich und Deutschland, zwei der größten europäischen KI-Investoren, die Vereinfachung, angebunden an den "Kompass für Wettbewerbsfähigkeit" der Kommission. Im Juli 2025 forderte ein Brief von 56 europäischen Unternehmen, darunter das französische Mistral und das deutsche Aleph Alpha, bereits, "die Uhr anzuhalten".
Das Argument lautet Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit: die Champions des Kontinents nicht gegenüber amerikanischen und chinesischen Giganten benachteiligen. Es hat Gewicht. Es zeigt zugleich eine offen eingeräumte Durchlässigkeit zwischen öffentlicher Entscheidung und Industrie, für die Cédric O, früherer Staatssekretär für Digitales und heute Anteilseigner und Berater von Mistral, die sichtbarste Figur ist.
Die Souveränität, die reguliert und dereguliert
Es gibt eine Ironie des Zeitpunkts. Ende Juni feierte die EU die Benennung von Europa, ihrem künftigen souveränen Großmodell, im Namen der technologischen Unabhängigkeit des Kontinents (ein Projekt, das wir uns genau angesehen haben). Wenige Wochen zuvor diente eben diese Souveränität dazu, die Verschiebung der Regeln zu rechtfertigen.
Das Wort funktioniert in beide Richtungen. Gestern musste man regulieren, um nicht von fremden Plattformen abzuhängen. Heute muss man deregulieren, um die eigenen atmen zu lassen. Souveränität ist zu einem Argument mit variabler Geometrie geworden, einsetzbar je nach gewünschtem Ergebnis.
Es bleibt die Kluft. Auf der einen Seite eine parteiübergreifende Öffentlichkeit, die mehr Leitplanken verlangt. Auf der anderen die Regierungen, die sie gewählt hat und die deren Umsetzung unter dem Druck der eigenen Branche verschieben. Man mag die Vereinfachung für legitim oder für gefährlich halten, die Debatte besteht. Doch die Ironie passt in eine Zeile: Bei einem Thema, bei dem sich 78 Prozent der Franzosen einig sind, vom RN bis zu den Sozialisten, sind es ihre eigenen Gewählten, die auf die Bremse treten.



